German UPA | Beitrag vom 24.02.2025 –
UX-Design im Krieg: Wie Krisen Empathie und Innovation vorantreiben
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Auf einen Blick
UX-Design in Krisenzeiten erfordert tiefgehende Empathie, nachhaltige Lösungen und sicherheitsbewusstes Design – Erkenntnisse aus der Ukraine zeigen, wie UX-Professionals Verantwortung übernehmen können.
- Empathie als Schlüsselkompetenz: UX-Design muss emotionale und kulturelle Hintergründe der Nutzer*innen berücksichtigen, um traumatische Trigger zu vermeiden.
- Nachhaltigkeit unter Extrembedingungen: Energieeffizienz, Offline-Funktionalität und ressourcenschonende Designs sind essenziell für nutzerfreundliche Produkte in Krisensituationen.
- Gemeinschaft als Überlebensstrategie: Netzwerke, Mentorships und Bildungsinitiativen stärken UX-Designer*innen und fördern resiliente digitale Lösungen.
- UX und Cybersicherheit: Datenschutz und sichere UX-Patterns sind nicht nur Komfort-, sondern Sicherheitsfaktoren, die aktiv in den Designprozess integriert werden müssen.
- Praktische Learnings für UX: Minimalismus, Extremszenarien-Tests und ein Bewusstsein für Nutzerbedürfnisse jenseits von Funktionalität sind entscheidend für nachhaltiges UX-Design.
Empathie als UX-Superkraft: Warum Kontexte alles sind
„Mindfulness und Empathie sind die zwei wichtigsten Erkenntnisse aus der aktuellen Situation“, sagt Tanya Zavialova. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine hat sich ihre Sicht auf UX-Design radikal verändert. Nicht nur für sie, sondern für viele in ihrer Community.
Ein Beispiel: Ein LinkedIn-Designer schlug ihr kürzlich vor, eine russische Sprachoption in ihre Anwendung zu integrieren. Für sie, eine Ukrainerin mitten im Krieg, war das nicht nur unangemessen – es war verletzend. „Die Person auf der anderen Seite des Bildschirms hat es einfach nicht verstanden“, erzählt sie.
UX-Designer*innen tragen Verantwortung für die psychologischen Effekte ihrer Arbeit. Symbole, Farben und sogar Sprache können emotional aufgeladene Trigger sein. Ein Raketen-Icon, das für ein Startup einen Aufbruch signalisiert, kann für eine kriegsbetroffene Person etwas völlig anderes bedeuten.
Fazit: Gutes UX-Design ist mehr als Ästhetik und Funktionalität – es ist ein tiefes Verständnis für die Lebensrealitäten der Menschen, die es nutzen.
Stromausfälle, Bombenalarm und Remote Work: UX-Design unter Extrembedingungen
Die technischen Herausforderungen in einem Kriegsgebiet gehen weit über instabile Internetverbindungen hinaus. „Jede ukrainische Familie weiß inzwischen genau, wie viele Kilowatt sie täglich verbraucht“, erklärt Tanya. Der bewusste Umgang mit Ressourcen ist für viele Ukrainer*innen mittlerweile überlebenswichtig.
Daraus ergeben sich völlig neue Perspektiven auf nachhaltiges Design:
- Energieeffizienz wird essenziell: „Wir wissen jetzt, wie viel Strom ein Wasserkocher verbraucht – und überlegen, ob wir ihn wirklich brauchen.“ UX-Designer*innen müssen sich fragen: Wie viel Energie kostet eine Anwendung? Wie oft muss eine Aktion wiederholt werden?
- Digitale Resilienz ist gefragt: „Wir haben zusätzliche Batterien und Alternativen für Wasser und Heizung.“ UX-Design muss Lösungen bieten, die offline oder mit minimaler Energie funktionieren.
- Design für Krisensituationen: „Wir lernen aus der Not heraus, welche Technologien wirklich nachhaltig sind.“ UX-Prinzipien sollten auch darauf ausgerichtet sein, in Ausnahmesituationen zu funktionieren.
Gemeinschaft als Überlebensstrategie: Was UX-Designer*innen von Feuerwehrleuten lernen können
„Wer unter konstantem Stress arbeitet, muss wissen, wie man Energie wieder auflädt“, sagt Tanya. Sie zieht eine Parallele zu Berufen wie Feuerwehrleuten oder Ärzt*innen, die unter Dauerbelastung arbeiten. Ein entscheidender Faktor: die Kraft der Gemeinschaft.
In der Ukraine entstehen neue Netzwerke und Selbsthilfegruppen, in denen sich UX-Designer*innen austauschen und gegenseitig unterstützen. Auch Bildung spielt eine Schlüsselrolle: Viele Menschen wechseln gerade in den Design-Bereich, um sich eine neue Existenz aufzubauen.
Wichtige Initiativen, die die UX-Community stärken:
- Workshops und Online-Kurse für Designer*innen, die sich weiterentwickeln oder neu orientieren.
- Bücher von UX-Profis aus aller Welt, deren Verkaufserlöse Bildungsprogramme für ukrainische Soldat*innen finanzieren.
- Mentorship-Programme, die jungen Designer*innen helfen, sinnvolle Karrieren aufzubauen.
Tanya bringt es auf den Punkt: „Krisen schweißen uns zusammen. Die Community ist unser größtes Kapital.“
Von UX zu Security: Warum Designer*innen die erste Verteidigungslinie sind
Ein aktuelles Beispiel zeigt, wie sich UX und Cybersicherheit überschneiden: Ein ukrainisches Design-Team entwickelte eine Plattform, um Blutspenden zu fördern – mit einer öffentlichen Bestenliste der Spender*innen. Was als Motivation gedacht war, hätte sich schnell in eine Sicherheitslücke verwandeln können.
„Früher ging es bei Privatsphäre um Bequemlichkeit. Heute geht es um Sicherheit“, warnt Tanya. UX-Designer*innen müssen sich bewusst sein, dass Informationen, die früher harmlos wirkten, heute für gezielte Angriffe genutzt werden können.
Neue UX-Herausforderungen in Krisenzeiten:
- Sicherheitsbewusstsein in jedem Designschritt mitdenken.
- Privatsphäre priorisieren, selbst wenn Nutzer*innen freiwillig Daten teilen.
- Sichere UX-Patterns entwickeln, die Angriffe erschweren.
„Wir sind die erste Verteidigungslinie unserer Nutzerinnen“, sagt Tanya. Ein Satz, den UX-Designerinnen weltweit ernst nehmen sollten.
Praktische Learnings für UX-Designer*innen aus der Ukraine
- Empathie geht tiefer als Personas.
Berücksichtige nicht nur User Needs, sondern auch ihre emotionalen und kulturellen Hintergründe. Was für dich neutral ist, kann für andere ein Trauma-Trigger sein. - Minimalismus ist mehr als ein Trend – er kann lebensrettend sein.
Jede zusätzliche Funktion, jede Animation, jede Abhängigkeit von High-Speed-Internet kann in einer Krisensituation problematisch werden. - UX muss in Extremszenarien getestet werden.
Wie funktioniert dein Design bei schlechten Lichtverhältnissen? Bei schwankender Internetverbindung? In einem psychologisch belastenden Kontext? - Community ist UX.
Gute User Experience bedeutet nicht nur, dass eine App funktioniert – sondern dass sich die Menschen dahinter gegenseitig unterstützen. Netzwerke, Mentorships und Open-Source-Initiativen sind in Krisenzeiten entscheidend. - Security ist keine Option, sondern Pflicht.
Datenschutzrichtlinien allein reichen nicht aus – UX-Designer*innen müssen aktiv Sicherheitslücken schließen und Bedrohungsszenarien mitdenken.
„Krisen zwingen uns, Probleme zu lösen“ – Design als Hoffnungsträger
Tanya sieht trotz allem eine Zukunft für UX-Design in der Ukraine – und weltweit. „Jede Krise schärft unsere Fähigkeit zur Problemlösung. Und wenn Design keine Probleme löst, dann schafft es welche.“
Die ukrainische Design-Community arbeitet an Lösungen, die weit über den Krieg hinaus relevant sind: nachhaltige digitale Produkte, sichere Plattformen und inklusive Interfaces. Ihre Erfahrung zeigt, dass UX-Design in einer sich verändernden Welt nicht nur schöner, sondern auch widerstandsfähiger werden muss.
Was bedeutet das für dich als UX-Designer*in? Welche deiner Designs könnten unter anderen Bedingungen problematisch sein?
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"AEROROZVIDKA“ ist eine Investition in die Entwicklung der netzzentrierten und robotergestützten Fähigkeiten der Sicherheits- und Verteidigungskräfte der Ukraine.
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Tanya hat im Interview um Unterstützung für eine besondere Organisation gebeten: Aerorozvidka.
https://aerorozvidka.ngo/en/donate-page
Diese ukrainische NGO leistet wertvolle Arbeit, indem sie modernste Drohnen- und IT-Technologie entwickelt, um die Sicherheits- und Verteidigungskräfte der Ukraine zu stärken.
Unabhängige Quellen wie The Guardian, Business Insider und der Atlantic Council beschreiben Aerorozvidka als innovativ und wirkungsvoll. Sie genießt einen guten Ruf und wird als seriös und vertrauenswürdig angesehen.