German UPA | Beitrag vom 07.07.2026 –
Was UX vom Feminismus lernen kann
Keine Predigt. Eine Schablone.
Die eigentliche Frage der Session war: Was kann UX vom Feminismus lernen?
Und bevor jetzt jemand die Augenbraue hochzieht: Ich vergleiche nicht das Leid. Frauenrechte und UX-Budgets sind nicht dasselbe, das ist mir sehr bewusst. Ich vergleiche das Muster. Feminismus als Schablone, nicht als Predigt.
Denn wenn man die Sätze nebeneinanderlegt, mit denen UX im Arbeitsalltag abgebügelt wird, und die Sätze, mit denen jahrzehntelang Frauenrechte abgebügelt wurden, dann passiert etwas Unangenehmes. Sie klingen gleich.
Vier Mechanismen, zwei Kontexte, eine Logik
"Frauen verstehen nichts von Politik." "Wir brauchen keine Nutzer, wir kennen unsere Kunden." Im Kern ist das derselbe Satz. Erst werden die Betroffenen für irrelevant erklärt. Ignorieren.
Dann kommt: "Das hat doch bisher auch so funktioniert." Auf der UX-Seite: "Wir haben auch ohne Research erfolgreich gelauncht." Der klassische Status-quo-Bias. "Es läuft doch" ist eben nicht dasselbe wie "es ist gut". Normalisieren.
Dann: "Das können wir uns nicht leisten, die Wirtschaft!" Und: "UX Research? Dafür haben wir kein Budget." Das Richtige tun wird zum Luxus erklärt, statt zum Grundprinzip. Ökonomisieren.
Und schließlich, wenn nichts anderes mehr zieht: "Ihr übertreibt, so schlimm ist es doch gar nicht." Oder: "Die Nutzer kommen schon klar." Die Erfahrung der Betroffenen wird kleingeredet. Minimieren.
Vier Mechanismen. Zwei Kontexte. Dieselbe Logik. Wenn man das einmal gesehen hat, kann man es nicht mehr ungesehen machen.
Was der Feminismus richtig gemacht hat
Das Tröstliche an der ganzen Sache: Der Feminismus hat nicht nur die Abwehr vorgeführt, sondern auch, was dagegen wirkt.
Von unten anfangen, statt auf den Vorstand zu warten. Veränderung kam selten von oben, fast immer von unten. Für UX heißt das: nicht auf die große Grundsatzentscheidung des C-Levels warten, sondern im eigenen Team, im eigenen Projekt anfangen.
Verbündete suchen, weil das niemand allein schafft. Der Feminismus hat nicht allein gekämpft, und ihr müsst das auch nicht. Die Produktmanagerin, die einmal ein gutes Testing erlebt hat. Der Entwickler, den ein Usability-Problem nervt. Das sind eure Leute.
Geschichten erzählen statt nur Zahlen zeigen. Ein O-Ton aus einem Interview bewegt oft mehr als jede Conversion-Rate. Echte Menschen statt Metriken.
Und irgendwann: aufhören zu fragen, ob man darf. Nicht bitten, handeln. Das ist unbequem, ich weiß. Aber "Dürfen wir bitte ein bisschen Research machen?" ist selten der Satz gewesen, mit dem sich wirklich etwas verschoben hat.
Der stärkste Gedanke: Vorbereitung trifft Gelegenheit
Am meisten hängengeblieben ist bei mir aber ein anderer Gedanke. Und der geht so: Der Triggermoment kommt sowieso. Die Frage ist nur, ob du vorbereitet bist, wenn er kommt.
Drei Beispiele machen das ziemlich deutlich.
Island, 24. Oktober 1975. Etablierte Frauenorganisationen und die radikalen "Rotstrümpfe" planten gemeinsam einen Tag. Aus "Streik" wurde bewusst ein "freier Tag", damit wirklich jede mitmachen konnte, auch die, die sich einen Streik nicht leisten konnten. 90 Prozent der Frauen legten Erwerbs- und Hausarbeit nieder. Das Land stand still. 1976 kam das Gleichstellungsgesetz, 1980 die erste demokratisch gewählte Präsidentin der Welt. Das UN-Jahr der Frau war das offene Fenster. Die Vorbereitung machte daraus Gesetze.
USA, 1920. Carrie Chapman Catts "Winning Plan" lag schon seit 1916 in der Schublade: Verfassungsänderung und Einzelstaaten-Kampagnen parallel, flankiert vom Druck des militanteren Flügels um Alice Paul. Als der Erste Weltkrieg das Fenster öffnete, wurde daraus der 19. Verfassungszusatz, das Frauenwahlrecht in den gesamten USA. Die Gelegenheit kam von außen. Der fertige Plan verwandelte sie in Verfassungsrecht.
Und dann die Gegenprobe. #MeToo, 2017. Der wahrscheinlich größte Trigger von allen, und ausgerechnet der am wenigsten vorbereitete. Viral, diffus, enorme Energie. Aber kaum Strukturen, um sie aufzufangen. Keine fertigen Gesetzentwürfe, keine Institutionen in der Schublade. Das Ergebnis war ein gewaltiger kultureller Bewusstseinswandel, strukturell und gesetzlich aber vielerorts erstaunlich folgenarm. Nur da, wo schon Strukturen bereitstanden, passierte tatsächlich mehr.
Der Unterschied zwischen den dreien war nicht die Energie. Es war die Schublade.
Und damit sind wir mitten in der UX
Der Triggermoment kommt auch bei euch. Der schlechte Launch. Der wütende Kunde. Der neue CEO mit eigenen Ideen. So ein Moment kommt, verlasst euch drauf.
Die Frage ist nur, was ihr dann griffbereit habt. Habt ihr die Beziehungen schon aufgebaut, bevor ihr sie braucht? Liegt die Evidenz parat, oder fangt ihr erst an zu suchen? Kennt ihr eure Verbündeten? Habt ihr einen fertigen Vorschlag in der Schublade?
Wenn ja, dann wird aus dem schlechten Tag kein Ärgernis, sondern ein Sprung.
Und ja, Geld ist wichtig, ich bin schließlich auch Geschäftsführerin. UX muss sich rechnen. Aber wofür wir da eigentlich kämpfen, ist generell gut. Nicht nur ein Business Case. Eine Haltung.
UX is Kenough
Also, Brille wieder auf? Nein. Genau nicht.
Die rosa-rote Brille setzt man nicht auf, um sich die Welt schönzufärben. Man nimmt sie ab und macht trotzdem weiter. Am Anfang der Session war "UX is Kenough" ironisch gemeint. Am Ende meine ich es ernst.
UX ist genug. Ihr seid genug. Hört auf zu fragen, ob ihr dürft. Fangt an.
P.S.: Die Session hatte am Ende eine echte Frage ans Publikum, und die stelle ich hier gleich mit: Wann hat es sich für euch gelohnt zu kämpfen? Oder andersherum, wo habt ihr aufgehört? Schreibt es gern in die Kommentare, ich lese mit. Und wer das komplette Deck haben möchte, meldet sich einfach. Danke, Erfurt. Das hat Spaß gemacht.
Autorin: Tara Maria Bosenick, uintent.
Barcamp-Session beim UX Festival der German UPA, Erfurt.