German UPA | Beitrag vom 03.07.2026 –
Wenn KI am Entscheidungstisch sitzt...
Das neue „Make it pop"?
Früher kamen Feedback-Runden mit Klassikern wie „Können wir das Logo größer machen?" oder „Meiner Frau gefällt die Farbe nicht." Heute kommt der Input immer öfter als KI-generierter UI-Vorschlag oder sogar als fertiger Code-Snippet. Das Phänomen ist das gleiche – nur die Verpackung hat sich geändert.
Dabei ist das Problem weniger die Technologie selbst, als das blinde Vertrauen, das ihr entgegengebracht wird. KI-Sprachmodelle neigen zum sogenannten „Yes-Man-Effekt*“: Sie bestätigen Annahmen, auch wenn diese falsch sind. Dazu kommt der „Automation Bias“ – die Tendenz, maschinellen Empfehlungen einfach zu folgen, ohne sie zu hinterfragen. Und wer den ersten KI-Output als Referenz nimmt, sitzt schnell in der „Anchoring-Falle“.
Für Entwickler:innen bedeutet KI-Code von Kund:innen oft mehr Aufwand, nicht weniger: falsche Frameworks, fremde Standards, kein Blick aufs Gesamtbild. Als Gesprächsgrundlage kann er funktionieren – als fertige Lösung fast nie.
Was KI (noch) nicht kann
KI ist gut darin, Lösungen zu erzeugen. Sie erkennt Muster, synthetisiert Informationen, produziert Varianten in Sekundenschnelle. Was sie selten tut: die richtigen Fragen stellen.
„Warum existiert dieses Problem überhaupt?" – „Welche Personengruppen haben wir komplett vergessen?" – „Brauchen wir diese Funktion überhaupt?" Das sind menschliche Fragen. UX-Fragen. Und genau hier liegt der Wert, der sich in einer Welt voller KI-generierter Entwürfe nicht wegautomatisieren lässt.
Während KI fragt: *„Welche Lösung soll ich erzeugen?"*, fragt gutes UX: *„Woher wissen wir, dass wir das richtige Problem lösen?"*
Ko-Kreation statt Kontrolle
Die interessantere Frage ist nicht, wie man Kunden-KI aus dem Prozess heraushält – sondern wie man sie sinnvoll einbindet. Das Konzept der „KI-gestützten Ko-Kreation“ beschreibt, wie KI an jedem Schritt des Designprozesses aktiv beteiligt sein kann: beim Explorieren neuer Perspektiven, beim Clustern von Research-Ergebnissen, beim Erzeugen von Ideen, beim schnellen Visualisieren – und schließlich als kritisches Gegenüber in der Reflexion.
Kunden-KI kann dabei sogar Chancen eröffnen: mehr Transparenz im Prozess, ein stärkeres Gefühl von Ownership auf Auftraggeberseite, und manchmal schlicht mehr Freude an der gemeinsamen Gestaltung.
Fazit
Wenn jede:r gestalten kann, wird der eigentliche Wert von UX sichtbarer denn je: Kontext verstehen, Qualität sichern, Entscheidungen strukturieren. UX-Profis werden nicht überflüssig – sie werden unverzichtbarer. Nur eben auf eine andere Art als bisher.
Recap: Das nehmen wir aus der Diskussion mit
Im Anschluss an den Vortrag haben wir gemeinsam diskutiert, ob und wie Kund:innen über KI in den Designprozess eingebunden werden sollten. Die Meinungen waren differenziert – und das zu Recht.
Die Bedenken sind real. KI-Einbindung ohne Moderation kann schnell aus dem Ruder laufen: Kund:innen bauen eigenständig etwas, das kaum noch steuerbar ist. Dazu kommt das gefährliche Missverständnis, dass KI-Beteiligung Kosten spart – das muss von Anfang an klar kommuniziert werden. Und der Satz „Jetzt brauchen wir den Designer ja nicht mehr“ bleibt eine echte Gefahr, wenn Prozesse nicht bewusst gestaltet werden.
Aber die Chancen sind genauso real. Kund:innen, die mit KI Ideen visualisieren, können oft viel klarer zeigen, was sie sich vorstellen – das ist eine Einladung zum Gespräch, kein Angriff auf die Expertise. Das Beispiel aus der Architektur bringt es gut auf den Punkt: Ein Kunde kann zeigen, wie er sein Haus haben will, ohne etwas von Statik zu verstehen. Außerdem gilt: Wir kommen an dieser Entwicklung ohnehin nicht vorbei – dann lieber gute Prozesse definieren, als sie zu ignorieren.
Entscheidend sind die Rahmenbedingungen. Ob ko-kreative Prozesse funktionieren, hängt stark vom UX-Reifegrad auf Kundenseite ab: Wer den Wert von UX versteht, kann produktiv mitgestalten. Ebenso spielt KI-Kompetenz eine Rolle – wer sich für das Thema interessiert, kann über KI besser abgeholt werden und den Prozess als spannend erleben. Wichtig bleibt, vorab zu klären: Wie weit wollen Kund:innen überhaupt in den Designraum eintreten? Und wo macht Kollaboration wirklich Sinn? Grenzen müssen klar definiert und verstanden sein – auf beiden Seiten.
Was das für unsere Arbeit bedeutet. Die Einbindung von Kunden-KI erfordert neue Formate und Methoden. Sie ergänzt die Designrolle um eine neue Kompetenz: Risikobewusstsein. Gute Dokumentation wird unabdingbar. Ideen von Kund:innen müssen konsequent validiert werden. Und Kund:innen müssen transparenter darüber informiert werden, was aus ihren Beiträgen geworden ist – und warum.