Laura Marwede
Laura Marwede ist Head of UX & Leadership bei der Digitalagentur TEAM23 mit Sitz in Augsburg und Ulm. Sie leitet dort seit 5 Jahren den Bereich UX und hat in dieser Rolle viele Designer:innen eingestellt - und noch mehr Portfolios gesichtet und Interviews geführt. Da ich keine gelernte Designerin bin, ist für mich der Blick auf das Portfolio immer ein bisschen anders als der meiner fachlichen Kolleg:innen, mit denen ich bei der Besetzung von Stellen immer im engen Austausch bin.
Tanja Hohenstatt
Tanja Hohenstatt ist seit 7 Jahren als UX Designerin mit Schwerpunkt B2B-Software tätig. Als UX Team Lead bei Checkmk baut sie den UX-Bereich auf und treibt die nachhaltige Etablierung nutzerzentrierter Prozesse voran. Im November 2022 startete sie als erste UX-Professional bei Checkmk – seitdem ist das Team auf drei Personen gewachsen, mit weiterer Verstärkung durch eine Werkstudentin und eine zusätzliche Vollzeitkraft in Kürze. Neben der internen UX-Optimierung engagiert sie sich für Community-Driven UX, um die Open-Source-Community aktiv in die Produktentwicklung einzubeziehen.
Zorica Zettelmeyer
Ich (User Professional) bin selbst wieder aktuelle auf der Jobsuche und möchte mich auf dem Arbeitsmarkt zum dritten Mal für eine neue Rolle / Position bewerben.
Takeaways aus dem Talk
- Portfolios sind wichtig – aber nicht alles: Ein überzeugender Lebenslauf, Motivation und ein individuell zugeschnittenes Anschreiben können genauso stark punkten wie ein schickes Portfolio.
- Weniger ist mehr: Zwei bis drei gut strukturierte Projekte sind besser als zehn halbherzige. Vor allem: den eigenen Anteil im Teamprojekt klar herausstellen!
- Portfolio = digitales Produkt: Denk wie bei einem echten Projekt. Zielgruppe? Scannbarkeit? Einstieg über Storytelling oder starke Bildsprache? Das zählt!
- Mut zur Persönlichkeit: Zeig, wer du bist – visuell und inhaltlich. Ob mit Text, Bildern oder sogar einem Bewerbungsvideo: Authentizität schlägt glatte Perfektion.
- Lebenslauf nicht unterschätzen: Er ist oft der erste UX-Test. Gut strukturiert, sauber designt und fehlerfrei ist Pflicht – auch im PDF.
- Quereinstieg oder wenig Berufserfahrung? Dann zählt besonders: Warum UX? Warum dieses Unternehmen? Ein gutes Anschreiben kann hier Türen öffnen.
- AI & Feedback als Gamechanger: Ob Prompt-gestützte Bewerbungsanalyse oder regelmäßige Portfolio-Reviews – wer sich Feedback holt, kommt weiter.
- Netzwerken schlägt Bewerbung: Wer im Vorfeld in Kontakt tritt (z. B. über Events oder LinkedIn), überspringt oft den härtesten Teil des Bewerbungsprozesses.
💬 Ideal für alle, die sich gerade auf UX-Jobs bewerben, in den Einstieg suchen oder ihr Portfolio auffrischen wollen – inklusive realistischen Einblicken aus Sicht von Hiring Managerinnen.
Fragen aus dem Chat
Was macht einen guten bzw. einen weniger guten Lebenslauf aus? Namenhafte Unternehmen o. Ä.?
Laura: "Schnelles Erfassen von Informationen. Ich will auf den 1. Blick sehen, was wichtig ist/war. Unternehmen sind mir nicht so wichtig, eher welche Rolle Du innehattest, mit welchen Verantwortlichkeiten etc."
Tanja: "Viel wichtiger als namhafte Unternehmen sind für mich "interessante" Lebensläufe, also Lebensläufe, die nicht nur aus purer, relevanter Arbeitserfahrung bestehen, sondern auch ein Interesse und Leidenschaft zeigen. Zum Beispiel: Weiterbildungen, Nebenprojekte, GUPA Mitgliedschaft, Berufserfahrung in "Nachbarschaftsthemen" wie PM, QA, Dev oder ähnlichem."
Zorica: "Eine klare Übersicht zum schnellen Erfassen, Schlüsselbegriffe aus der Stellenanzeige"
Ein weiteres Problem das häufig auftaucht. Soll man wirklich reale Projekte zeigen? Oft gibt es hier bezüglich der Geheimhaltung Probleme?
Tanja: "Das ist aus meiner Sicht eines der Hauptrobleme von Portfolios: Wenn man fiktive Projekte zeigt, gibt das wenig Aufschluss über wie man sich unter "realen" Bedingungen macht und gleichzeitig sind reale Projekte oft durch viele andere Faktoren beeinflusst (Zeit, Ressourcen, Stakeholder, Eigenanteil vs. Teamarbeit...), dass es hier schwer zu beurteilen ist, wie gut die Person wirklich ist (insbesondere weil man ja meist nicht ohne Grund wechseln möchte und vielleicht auch das Gefühl hat, im letzten Jahr nichts ordentlich Zustande gebracht zu haben). Prinzipiell bin ich mehr ein Freund von realen Projekten, aber so lange es klar kommuniziert ist, dass es fiktiv ist, ist es auch ok. Was ich auch schon gesehen hab: Ganz transparent mit dem Thema umgehen (das man z.b. kein Portfolio hat oder NDAs unterschrieben hat) und stattdessen einen Probearbeitstag oder Challenge anbieten. Fand ich ganz charmant!"
Zorica: "Projekte nachstellen oder Mockups ohne Kunden-Datensatz, ohne Corporate Design, sondern Platzhalter verwenden und Lösungen als Userflow oder Infografik hervorheben."
Ich habe mein Portfolio in Figma slides erstellt da es sich für mich einfacher anpassen lässt (je nach Unternehmen). Gibt es hier eine Präferenz? Und: schaut ihr immer nach dem Portfolio oder nur in Fällen wenn die CV überzeugt?
Laura: "Ich schaue immer nach dem Portfolio. Ob Figma slides oder Website ist mir aber egal. Auch Pdf ist ok für mich."
Tanja: "Ich schau normal immer alles drei (Lebenslauf, Portfolio und - wenn vorhanden - Anschreiben) an, weil ich ein sehr neugieriger Mensch bin und selbst wenn ich den Lebenslauf unpassend fand, dann erst recht wissen will, wie das Portfolio ist (und manchmal überrascht das dann auch positiv!). Prinzipiell ist das Medium egal, hauptsache einfach aufzurufen - also ohne Installation - und gut gemacht :)"
Zorica: "Wenn das Portfolio sich ohne Anmeldung öffnen lässt und über keine lange Ladezeit verfügt, steht dem nichts im Wege. Stets testen, wie es bei anderen Nutzer:innen öffnet, z. B. beim Freund, der kein Figma nutzt."
Was sind Dinge in der Bewerbung (v.a. Lebenslauf und Anschreiben), die direkt einen negativen Eindruck machen?
Laura: "Wenn man das Gefühl hat, es ist generisch und du gehst nicht auf das unternehmen ein. Wenn man wichtige Informationen suchen muss. Aber am schlimmsten ich das Gefühl, dass die Bewerbung so an 20 andere Unternehmen gegangen ist."
Tanja: "Viele Tippfehler oder Rechtschreibfehler! Wenn einer mal durchrutscht, sage ich gar nichts, aber wenn es sich häuft, ist das ein absolutes No-Go. Ansonsten wenn Elemente nicht ordentlich aneinander ausgerichtet sind oder sehr ersichtlich ist, das man sich überhaupt nicht die Mühe gemacht hat, die Stellenausschreibung zu lesen - sprich wenn das Profil überhaupt nicht passt und im Anschreiben keine Erklärung dazu ist. Wenn das Anschreiben an eine andere Firma adressiert ist, dann gibts ganz ganz viele Minuspunkte."
Zorica: "Zu langer Text, kein Foto, zu bunt, wenig Struktur, keine Schlüsselbegriffe aus der Stellenanzeige vorhanden."
Wie sollte für euch der Aufbau eines Portfolios aussehen?
Tanja: "Übersichtlich mit kurzen Klickwegen. Fokus auf Outcomes. In den Überschriften muss ich das wichtigste schon lesen können. Visuelle Unterstützung! Kein Fluff, sprich unnötige Fülltexte weglassen"
Zorica: "PDF-Format Empfehlung: Titelbild, über mich, meine Mission / warum ich, warum das Unternehmen, 2 bis 3 Case Study mit Call-to-Aktions Buttons, welches zu externen Details wie Figma, Miro-Boards, Videos führt und Prozesse im Detail beschreibt. Case Study Inhalte: Übersicht / Herausforderungen / Lösung / Forschung / Lösungen / Erfolge / Persönliche Erfahrung und Learnings mit dem Team / Abschiedseite: Länge 8 bis 12 Seiten."
Ist Vielfalt im Portfolio besser oder besser nur Websites, nur Apps - je nach Fokus? Ich habe bislang immer Vielfalt gezeigt und bin damit gut gefahren.
Laura: "Ich denke es kommt auf das Unternehmen an. Bei uns (breites Portfolio als Agentur) gerne breiter, bei checkMK von Tanja fokussierter. Guck dir an, was von der Stelle/Unternehmen erwartet wird."
Tanja: "Das kommt darauf an auf was du dich bewerben möchtest. Wenn du nur Apps machen möchtest, warum dann Websiten mit aufnehmen? Wenn du dich für eine Firma mit Hauptfokus Desktop-Anwendungen bewirbst, ist es ideal, wenn etwas ähnliches im Portfolio vorhanden ist. Sprich z.b. ein Dashboard (und da ist es egal, ob das in einer anderen Branche ist) oder irgendwelche Onboardings o.ä. . Kurz gesagt: Kommt auf deinen Schwerpunkt und die Bedürfnisse der Firma an!"
Zorica: "Ja, stimme ich zu! Vor allem, wenn es die Vielfalt, die Stellenbeschreibung unterstützt, wenn ein Spezialist gesucht wird, macht es keinen Sinn."
Was für Tools sind für die Darstellung des Portfolios empfehlenswert? (Webseite, Canva, Figma?)
Tanja: "Prinzipiell ist das Medium egal, hauptsache einfach aufzurufen - also ohne Installation - und gut gemacht :) Ich habe schon gute Portfolios als PDF oder Dropbox-Link gesehen. Nehme das, mit dem du dich am wohlsten fühlst!"
Zorica: "Miro-Boards (alle Whiteboards), Canva, Figma, Adobe Portfolio, UXFolio, Framer, PDF-Dateien"
Was ist, wenn Projekte auf der Portfolio Seite keine reale Projekte sind und im Rahmen der Weiterbildung entstanden sind? Da sind einige Schritte wie User Interview oder Marktanalyse vom Umfang her begrenzt. Kommen solche Projekte trotzdem seriös an?
Laura: "Absolut! Es reicht ja auch Teilaspekte wie z.B. Research hervorzuheben. Ich will ja die Arbeitsweise kennenlernen und muss nicht unbedingt reale Projekte sehen."
Tanja: "Kommt darauf an, auf welchem Senioritäts-Level du dich befindest. Als Einsteiger: Völlig okay! Für eine Senior oder Lead Stelle... naja eher weniger Aussagekräftig (jedoch würde ich hier auch generell Portfolios noch einmal in Frage stellen)."
Zorica: "Stets abgleichen, ob die Projekte ein Problem lösen, was auch für das Unternehmen ansprechend und wichtig sein könnte oder aktuell vorhanden ist. Beispiel: Ein Dienstleister im B2B-Bereich interessiert sich nicht für Redesigns, sondern für Nutzerprobleme in seinem Kundenumfeld."
Wenn man länger arbeitssuchend ist, wie gibt man das am besten im Lebenslauf an? Ggf. auch wenn Krankheit ein Grund dafür ist - sowas wollen Arbeitgeber meiner Meinung nach ja eher weniger hören auch wenn man selbst nichts für die Umstände kann.
Laura: "Ich bin immer Fan von Transparenz! Arbeitslosigkeit ist nichts schlimmes. Offen damit umgehen, reflektieren können was man gelernt hat und wie man sich ggf. weitergebildet hat. Auch lange Reisen, Elternzeiten etc: alle von uns lernen in solchen Phasen wertvolle Skills."
Tanja: "Transparenz! Ich kann natürlich nicht für alle Arbeitgeber sprechen, aber für mich persönlich ist das kein K.O. Kriterium und wie du selbst ja auch schon sagt: Da kann man ja auch gar nichts dafür! Das Leben ist nicht linear und daher sollte das auch normalisiert werden, dass man mal arbeitssuchend ist oder andere Prioritäten (Familie, Gesundheit...) hat!"
Was sagt ihr Senior Designer:innen, die deren beste Projekte confiential sind und nicht gezeigt werden können?
Laura: "Ja, Intranets, Sachen die nicht live sind etc. sind wirklich ein Problem. Dann eher beschreiben wie vorgegangen wurde."
Tanja: "Kein Thema! Bei uns gibt es eine Challenge in der zweiten Runde, da kann man zeigen, was man kann :)"
Bei vielen Stellenanzeigen werden ja gerade bei seniorigen Stellenanzeigen viele Anforungen gestellt, muss dann der Bewerber alles erfüllen oder wie viel Spielraum gibt es, erst "on the job" zu lernen?
Laura: "Es gibt immer Spielraum! Einfach bewerben, beschreiben was ihr lernen wollt, was ihr könnt, warum ihr motiviert seid."
Tanja: "Wir versuchen in Stellenanzeigen die Anforderungen mit "Must haves" und "Nice-to-have" zu Kennzeichnen, um es etwas transparenter zu machen. Prinzipiell würde ich aber IMMER empfehlen, sich auch zu bewerben wenn man NICHT alle Punkte erfüllt! Vieles kann man noch lernen, insbesondere wenn man Leidenschaft und Motivation mitbringt. Quasi: Das Pferd kann man zur Tränke führen, aber nicht zum trinken zwingen."
Wie tief sollten denn Cases aufbereitet werden?
Laura: "Ich würde immer sagen, es kommt drauf an. Was willst du zeigen/sagen? Allzu tief aber nicht, vor allem wenn es sehr sehr viele spannende Projekte gibt, die du zeigen willst"
Tanja: "Nicht zu tief, das liest man leider meistens eh nicht. Outcome-orientiert mit den wichtigsten Punkte sollte passen. Ich werde pro Fallstudie nicht mehr als 2 Minuten haben."
Zorica: "PDF-Format Empfehlung: Case Study Inhalte: Übersicht / Herausforderungen / Lösung / Forschung / Lösungen / Erfolge / Persönliche Erfahrung und Learnings mit dem Team /"
Was sind für euch denn die wichtigsten Bestandteile von einem Portfolio? Worauf achtet ihr besonderes drauf?
Laura: "Die Rolle, die ihr im Projekt eingenommen habt. Was habt ihr gelernt? Was war besonders?"
Tanja: "Sind die Outcomes klar kommuniziert? Wurden wirklich Nutzerprobleme gelöst? Ist die Studie gut und logisch aufgebaut? Wie ist der gesammte Look and Feel des Portfolios?
Im Endeffekt möchte ich am Schluss das Gefühl haben, dass ich UNBEDINGT mit dieser Person sprechen möchte :)"
Zorica: "Persönlicher Stil, Tonalität, Storytelling, werden Probleme gezeigt, die unsere Probleme gleichen."
Wie würdet ihr mit Schwächen umgehen, die ihr vielleicht bei euch selbst seht, z.B. Lücken im skillset, oder im Lebenslauf? Geht man offen darauf ein, und erklärt ggf wieso bzw. wie man das kompensiert?
Laura: "Transparenz gewinnt! Ehrlich sein. Reflextieren."
Tanja: "Kannst du in einem Anschreiben machen, aber gehe nicht zu sehr in die Defensive. Zeig Selbstbewusstsein, dass du die perfekte Besetzung für die Stelle bist. Am Schluss sollte ich das Gefühl haben, dass ich unbedingt mit dir sprechen muss - egal, ob du die Anforderungen erfüllst oder nicht. Wir haben bspw. auch schon im Product-Team Rollen geschaffen, die gar nicht (in diesem Moment) geplant waren, aber die Person hat uns so überzeugt und so eine individuelle Perspektive eingebracht, dass wir schon bei der Bewerbung wussten: Mit dieser Person müssen wir sprechen!"
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